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Tilt-Adapter an MFT – Probleme und offensichtliche Vorteile

Ich habe früher mit Canon fotografiert und Canon hat eine sehr spezielle Objektiv-Kategorie im Programm: Tilt/Shift-Objektive. Immer wieder schaute ich neidisch auf diese Objektive und den damit möglichen Look in den Fotos und doch kaufte ich nie ein solches Objektiv. Warum nicht? Zum einen waren und sind diese Spezialisten richtig teuer, zum anderen war ich wohl einfach noch nicht reif für voll manuelle Objektive – Autofokus haben diese Kameras nämlich Prinzip bedingt nicht.

Nun hatte ich wieder Hunger und an eine MFT-Kamera kann man doch alles mögliche adaptieren – Warum nicht größere Objektive die man dann kippen kann? Eben! Geht auch – wenn auch nicht immer ganz ohne Probleme…

Tilt/Shift

Eine ganz kurze Erklärung, was das eigentlich ist. Tilt und Shift beschreiben zwei verschiedene Funktionen dieser Objektive.

Shift, also verschieben, bedeutet, dass das Objektiv an der Kamera nach oben/unten oder nach links/rechts verschoben werden kann. Wozu ist das gut? Diese Objektive erzeugen einen viel größeren Bildkreis über dem Sensor als er notwendig wäre um das Bild zu machen, das Objektiv sieht also mehr. Durch den Shift kann dieser Bildkreis über dem Sensor verschoben werden. So kann die Kamera zum Beispiel ganz gerade auf ein Gebäude gerichtet werden und durch Verschieben des Objektivs kann man das Dach ins Bild bekommen. Müsste man stattdessen die Kamera schräg nach oben richten, würde man stürzende Linien durch die Fluchtperspektive erhalten, mit dem Shift kann man dies vermeiden. Das wäre eine klassische Anwendung.

Tilt, also kippen oder neigen, bedeutet, dass das Objektiv nicht mehr im rechten Winkel am Bajonett hängen muss, sondern dass es in einem Winkel nach unten, oben oder zur Seite zeigen kann. Sieht kaputt aus, ist aber genial. Mit dem Tilt wird die Schärfeebene durchs Bild gekippt. Bei einem normalen Objektiv ist diese Schärfeebene parallel zum Sensor irgendwo vor dem Objektiv. Wie tief dieser Bereich ist, hängt von Brennweite, Entfernung und Blende ab aber die Schärfe beginnt irgendwo vorne und hört irgendwo hinten auf. Durch den Tilt kann diese Schärfeebene unabhängig vom Sensor gekippt werden, auch flach auf den Boden oder quer durchs Bild.

Stellt Euch ein großes Tor vor, das exakt parallel zum Sensor vorm Objektiv steht, ein paar Meter entfernt, das ist Eure Schärfeebene. Nun lasst Ihr die Kamera stehen aber stellt das Tor schräg in die Landschaft, oder auch so extrem schräg, dass ihr von der Seite gegen das Tor schaut – Dann geht der Schärfeverlauf von links nach rechts durchs Bild. Oder Ihr nehmt das Tor und legt es flach auf den Boden, dann geht die Schärfe von unten nach oben… oder oder oder… bigsmile Eine Spielwiese. Spätestens jetzt kann man vielleicht verstehen, warum ein Autofokus nicht gut funktionieren kann, jedenfalls kein Phasen-Autofokus – Die Kamera weiß nichts von der verschobenen Schärfeebene und kann nicht berechnen, wie weit das Objektiv bewegt werden muss um den Punkt unterm AF-Sensor scharf zu bekommen. Mit einem Kontrast-Autofokus sollte es theoretisch möglich sein, habe ich aber noch nirgends gesehen.

Tilt oder Shift oder beides

Tilt ist mechanisch recht einfach zu lösen – Das Objektiv muss einfach nur gekippt werden. Solche Gelenke sind offenbar verhältnismäßig einfach zu konstruieren, so dass sie auch lichtdicht sind. Der Shift ist schon aufwendiger – Hier muss das Objektiv über dem Bajonett verschoben werden, die Konstruktion soll aber lichtdicht bleiben. Das ist wohl aufwendig was sich wiederum im Preis niederschlägt. Toll ist natürlich beide Funktionen zu haben.

Ich schaute mich etwas um und fand alle Varianten: Tilt-Adapter, Shift-Adapter und auch Tilt/Shift-Adapter für MFT-Kameras. Mir war die Tilt-Funktion wichtig wegen des Bild-Looks, dem Schärfeverlauf. Da Tilt/Shift-Adapter wieder sehr teuer sind, bliebt ich bei einem reinen Tilt-Adapter.

Tilt-Adapter – Nicht alle passen

Adapter haben immer zwei Seiten. Auf der einen Seite passen sie in diesem Fall an die MFT-Kamera, auf der anderen Seite passen systemfremde Objektive mit etwas größerem Bildkreis. Ich wollte nicht völlig auf Weitwinkel verzichten und entschied mich für Kleinbild-Objektive auf der anderen Seite. Das schränkte die Suche schon mal deutlich ein.

Araxfoto

Zuerst folgte ich einem Tipp zu Araxfoto. Dort gab es einen Nikon auf MFT Tilt-Adapter. Nun habe ich zwar keine Nikon-Objektive, es gäbe aber manuelle Objektive, auch lichtstarke Weitwinkel, zum Beispiel von Walimex mit passendem Bajonett.

Der Adapter kostete knapp über $70 und kam nach etwas längerer Wartezeit bei mir an. Das Objektiv wird gekippt indem ein Ring am Adapter gedreht wird. Durch diese Drehung wird ein Gelenk mit dem Nikon-Mount gekippt. Am Ring sieht man eine Beschriftung mit der Grad-Zahl von 0 bis 8 Grad. Man soll die Kipp-Richtung auch drehen können um sowohl nach oben oder unten, nach links oder rechts neigen zu können.

Das konnte ich allerdings nicht ausprobieren, denn dieser Adapter passt nicht an meine Olympus OM-D E-M1. Die E-M1 hat oben am Gehäuse ein in Richtung Bajonett vorstehendes Gehäuse für den Sucher. Der Adapter wiederum hat zum Gehäuse hin einen so großen Durchmesser, dass er mechanisch an diesem Sucherkasten anstößt und sich daher nicht plan auf das Bajonett legen lässt. Pech gehabt. Ich habe Arax das Problem gemeldet und nun gibt es auf der Webseite einen Hinweis, dass man den Durchmesser prüfen sollte… der nun auch dabei steht.

Fotga

Nun hatte ich etwas über 70 Euro versenkt aber war froh, dass ich nicht schon vorab ein Objektiv mit Nikon-Mount gekauft hatte wink Nun wollte ich aber Tilten… was nun? Sollten alle Tilt-Adapter einen zu großen Durchmesser für die E-M1 haben? Versuch macht klug…

Ich suchte weiter und fand einen Tilt-Adapter mit anderer Mechanik für unter 20 Euro. Wow! Da macht man nichts falsch und so wurde das Teil geordert. In diesem Fall mit Canon EF-Mount auf der anderen Seite was mir sehr gelegen kam, denn Canon-Objektive habe ich einige. – Fotga Tilt-Adapter (Amazon Affiliate Link)

Der Adapter wurde schnell geliefert und tatsächlich: Er passte an meine OM-D E-M1! Der Duchmesser ist etwas geringer und die Konstruktion anders, so dass es haarscharf vor den Sucherkasten passt. Glück gehabt!

Der Spaß konnte also losgehen. Ich schnallte mein Canon 17-40/4L drauf und zog los.

Hier noch ein Vergleich der Adapter.

Eindrücke

Meine Eindrücke mit dem Fotga Tilt-Adapter sind gemischt und egal über was ich in der Folge meckere: Das Teil kostet keine 20 Euro! Das eigentliche Fazit kann also nur lauten: Kaufempfehlung! Funktioniert und bietet interessante Schärfeverläufe smile

Hier ein erster Test:

Behalte ich im Hinterkopf, dass ich bereit war 70 Euro zu investieren und bedenke, dass es nicht mein Problem ist wenn jemand einen 17-Euro-Adapter baut ohne Alternativen, dann kann ich auch Wünsche äußern wink

Nachteile

  • Es ist eine sehr simple Mechanik mit Kunstoff-Kugelgelenk. Das fühlt sich auch so an. Es läuft nicht so richtig weich, ist irgendwie kratzig und teils hakelig. Auf keinen Fall ist es sonderlich präzise. Für Tabletop vom Stativ ganz präzise die Schärfe über den Tisch legen? Kann man machen, erfordert aber Geduld und Nerven. Mehr Spaß hat man frei Hand in der Natur wenn es nicht auf den letzten Millimeter ankommt.
  • Es gibt keinerlei Nullstellung, keine Möglichkeit irgendwo einzurasten oder etwas beim Verstellen zu spüren. Das Objektiv wirklich auf 0° zu bekommen ist quasi unmöglich, genauso wenig wie reproduzierbar einen Winkel einzustellen.
  • Der Winkel lässt sich fixieren mit einem Ring am Adapter. Diese Fixierung erfolgt aber nicht durch feste Raster, Zähne, was auch immer sondern eher wie bei einem Kugelkopf am Kamerastativ durch erhöhen der Friktion. Es wird also schwerer das Gelenk zu verschieben aber zu keinem Punkt wird es unmöglich. Mit einem großen Canon-Objektiv hat man einen mächtigen Hebel, schon durch das Eigengewicht des Objektivs. Die Kamera auf Stativ, vorsichtig einen Tilt-Winkel finden und dann sicher fixieren? Eher nicht! Zudem ist dieser Friktions-Ring ganz nah am Kamera-Body und damit unbequem zu bedienen.

Das sind drei Nachteile die ich gerne gelöst hätte ohne dabei die Vorteile zu verlieren bigsmile Das darf dann gerne mehr als 17 Euro kosten! Falls da jemand etwas kennt, gebt mir bitte Bescheid.

Die Vorteile:

  • Es ist ein Kugelgelenk. Ich kann also ohne lange zu planen und ohne Adapter oder Objektiv umbauen zu müssen jederzeit in alle Richtungen neigen. Oben, unten, links, rechts, diagonal… Ich kann einfach durch den Sucher schauen und mit der Schärfeebene spielen, ohne Einschränkungen
  • Der maximale Neigungswinkel sieht gering aus, genügt aber vollkommen! Ich bekomme die Schärfe nicht nur flach auf den Boden sondern auch darüber hinaus und das in beide Richtungen. Miniatur-Effekt ist kein Problem, Schärfe an einer Mauer entlang geht auch.
  • Der Adapter passt an die OM-D E-M1 – Viel größer dürfte der Durchmesser wirklich nicht sein.

Offensichtlicher Vorteil

Dank Zoom ist man viel flexibler als mit klassischen T/S-Objektiven

Ein Vorteil der einem erst beim Anwenden so richtig klar wird ist die völlige Unabhängigkeit der Brennweite.

Canon T/S-Objektive sind verdammt teuer und sie sind Festbrennweiten! Man bekommt also entweder ein 17mm oder 24mm oder 90mm oder … man kauf sie alle und wechselt dann durch bigsmile

Mit einem Adapter an einem kleineren Sensor-Format kann ich plötzlich aus jedem Objektiv ein Tilt-Objektiv machen! Alle meine Canon-Objektive sind nun also Tilt-Fähig… Ja OK, der Shift fehlt, dafür hat es mich aber auch nur 17 Euro gekostet wink Und ja, die Mechanik und Präzision ist überhaupt nicht mit Canon T/S-Objektiven vergleichbar, versteht mich nicht falsch.

Trotzdem ist es genial plötzlich ein Tilt-Zoom zu haben! Mit dem 17-40/4L habe ich einen Bildwinkel vergleichbar mit 34-80mm und wenn ich möchte, mache ich da auch ein 100-400mm drauf oder mein 12-24mm von Sigma oder mein lichtstarkes 85/1.8 … Es stehen noch einige Experimente aus smile

Wenn ich mir jetzt vor Augen halte, dass es durchaus auch Tilt/Shift-Adapter für MFT gibt und man ggf. eine Kamera ohne oder mit schlankeren Sucherkasten wählen kann, die Möglichkeiten sind wirklich beeindruckend.

Doch mal Tilt/Shift-Adapter ausprobieren?

Ich denke eher nicht, jedenfalls nicht an meiner jetzigen Kamera. Weiter oben beschrieb ich das Problem mit den Durchmessern der Adapter und dem Sucherkasten der OM-D E-M1. Shift-Adapter sind mechanisch noch aufwendiger weshalb ich davon ausgehe, dass diese gar nicht passen werden – und selbst wenn, werde ich kaum nach oben shiften können weil sofort der Sucherkasten im Weg wäre. Das ist schon bei den originalen Canon T/S-Objektiven ein Problem wenn diese an den kleineren APS-C-Gehäusen verwendet werden.

Wer es doch ausprobieren möchte: Für etwas unter 500 Euro bekommt man von Kipon einen Tilt/Shift-Adapter, Nikon-an-MFT (Amazon Affiliate Link)

Fazit

Es lohnt sich! Neue Möglichkeiten eröffnen sich. Man kann eine geringere Schärfentiefe simulieren und so einen Look am MFT erreichen, den man so nicht vom kleinen Sensor kennt. Man – oder ich – übertreibt am Anfang natürlich… Tilt möglichst an den Anschlag bis das Gehäuse ächzt, muss sein, ist neu, darf ausgereizt werden und ich muss erst noch lernen oder verinnerlichen, welche Richtung und welcher Winkel zu welchen Ergebnissen führt… also: Tilten bis die Wände wackeln bigsmile

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: #565 – Böses Schärfefoul – Happy Shooting – Der Foto-Podcast

  2. Hallo,
    beruflich bedingt war auch ich auf der Suche nach einem weitwinkligen Tilt- & Shift-Objektiv für meine Panasonic Lumix G81 (MFT-Bajonett).
    Und so recherchiere ich regelmäßig über diesbezügliche Inhalte im Internet und stieß so auch auf diese Seite.
    Ich habe mittlerweile mittels modifizierter Tilt & Shift-Adapter von KIPON
    • ein Zoomobjektiv 19-35 mm (resultierende Brennweite 38-70 mm)
    • ein Weitwinkelobjektiv 14 mm (resultierende Brennweite 28 mm)
    Ich bin sehr interessiert an einem weitergehenden Erfahrungsaustausch.

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